Mehr Sicherheit, weniger Freiheit? Ist Angst eine Gefahr?

Mehr Sicherheit, weniger Freiheit? Ist Angst eine Gefahr?

Beinahe hätte ich heute herausgefunden, ob es wirklich ein „Leben danach“ gibt. Wie ich dem Tod nochmal von der Schippe gesprungen bin. Ein dramatisches Erlebnis oder besser gesagt „Überlebnis“ zu den Eingangsfragen.

Ich bin gerade ein paar Tage in Barcelona und an diesem schönen Tag heute wollten wir in eine schöne Bucht fahren. Wir hatten kein bestimmtes Ziel, nur hübsch und nicht so überlaufen sollte sie sein. Erst unterwegs machten wir uns über die möglichen Ziele schlau und so führte unser Weg uns nach Tossa de Mar. Als wir ankamen, stellten wir fest, das die Bucht für unseren Geschmack doch etwas zu gut besucht war. Doch nichts desto trotz ist es ein wirklich schönes Fleckchen Erde. Eigentlich sind es zwei Buchten, eine größere, in der sich auch die große Masse der Touristen aufhielt, und eine kleinere und weniger frequentierte. Dreimal dürft Ihr raten, auf welche unsere Wahl fiel. Es gab einen gewissen Wellengang, jedoch habe ich auch am Mittelmeer schon stärkeren Seegang erlebt, also stürzte ich mich in das kühle Nass. Ich wollte zur Erfrischung nur eine kleine Runde schwimmen, vielleicht 15 Meter vom Strand weg, doch es kam schnell anders als geplant.

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Nach dem Unglück war die kleine Bucht wie leer gefegt.

Eigentlich bin ich zwar sportlich aber beim Schwimmen habe ich kein besonderes Talent – auf einer Skala von eins bis zehn würde ich mich bei 5-6 einstufen. Jedenfalls habe ich heute erfahren, was es bedeutet in lebensgefährliche Strömung zu kommen, denn ich befand mich schnell unfreiwillig 30-40 Meter vom Strand entfernt. Es war ein Kraftakt mit vielem Schlucken von Meerwasser wieder Sand unter die Füße zu bekommen. Plötzlich zieht die Strömung wieder an und das gleiche Spiel begann von Neuem. Langsam bekam ich Angst, nicht mit eigener Kraft heraus zu kommen und ich machte mich schon mental bereit, meine Hilfsbedürftigkeit Richtung Strand bemerkbar zu machen. Schnell war es vorbei mit meiner Ausdauer und ich hätte bald kaum noch Kraft gehabt, die Arme aus dem Wasser zu heben um damit Zeichen an das – wie ich später erfuhr nicht vorhandene – Rettungspersonal zu geben. Ich bekam in ersten Ansätzen Panik. Aber ich spürte, dass meine Kraft mit ansteigender Angst schneller und schneller nachließ. Ich sammelte mich also kurz und beruhigte meine Atmung, was dazu führte, dass ich mir einen Überblick über die gefährliche Lage und meine Möglichkeiten machen konnte. Mir viel ein, dass ich beim ersten Mal am meisten Strecke in Richtung Strand über die linke Seite der vielleicht 50 bis 60 Meter breiten Bucht zurücklegen konnte. Ich schwamm daher in Richtung der Felsen und dachte, wenn das nicht funktioniert, dann könnte ich versuchen, mich entlang der Felswand zu retten. Das war zum Glück nicht nötig, denn tatsächlich konnte ich mich auch dieses Mal wieder in Richtung Strand kämpfen und bekam irgendwann wieder die Füße in den Sand. Von hier aus musste ich noch drei oder vier Mal gegen den Rücksog der Wellen kämpfen, dann war ich wieder sicher am Strand und konnte endlich verschnaufen. Wie knapp ich buchstäblich dem Tod entkommen bin, wurde mir erst einige Minuten später klar. Einige der Badegäste, die ihre Füße von den auslaufenden Wellen umspülen ließen, hatten mitbekommen, dass ich ernste Probleme gehabt hatte, aus dem Wasser wieder herauszukommen. Ich dachte, jetzt wären alle vorsichtiger und würden am Strand bleiben. Das war ein Trugschluss, denn keine fünf Minuten später sah ich, wie sich zwei Männer und eine Frau aufgemacht hatten und eine Runde schwammen. Mir war schnell klar, dass es für sie ähnlich schwer werden könnte, wieder an Land zu kommen. Ich beobachtete sie und sah, wie sie immer weiter raus gerieten. Zwei der Schwimmer hielten sich wie ich links, der dritte trieb ab und schwamm in Richtung einer roten Boje, um sich an ihr sichern zu können. Allen drei war die Situation schnell klar geworden. Ich sah, wie der Einzelschwimmer immer mehr vom oberen Stück der Wellen überspült wurde und wusste, dass er Kraft verlor, denn so war es bei mir auch gewesen. Man hat einfach nicht mehr die Kraft, sich bei den Wellen oben zu halten – anfangs geht das noch wie selbstverständlich. Mir war klar : dieser Mann schwebt in Lebensgefahr und ich alarmierte das Personal an der Strandbaar – außer die Ambulanz zu rufen konnten diese aber nichts tun, denn sie waren nur Kellner.

Der Schwimmer gab ein kurzes Zeichen indem er die Hand hob – ein Kraftakt in dieser Situation! Und da ich sah, wie der Mann immer schlechter schwamm, wollte ich ein Kanu, das am Strand befestigt war, nutzen, um ihm zu helfen – von anderer Hilfe war noch weit und breit nichts zu sehen. Der Barkeeper lehnte jedoch ab – es wäre zu gefährlich. Kurz darauf sah man den Mann nur noch auf dem Bauch mit dem Gesicht unter Wasser in der Bucht treiben – das alles dauerte nur wenige Minuten. Nach und nach kamen Polizisten und irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ein Rettungsschwimmer. Er schwamm dann auch hinaus und zog den leblosen Mann mit sportlicher Figur an Land. Zu spät, denn die Reanimationsversuche konnten ihn nicht zurück ins Leben holen. Ein Rettungsschwimmer vor Ort oder ein einfaches Schlauchboot mit Außenbordmotor hätten ihm problemlos das Leben retten können. Das Geschehen war für mich einigermaßen dramatisch, denn ich wusste, um ein Haar wäre mir dasselbe passiert. Dementsprechend dachte ich den Tag über über das Geschehene nach.
In der Nacht zuvor hatte ich einen Traum. Ich träumte, dass ich beim Schnorcheln einem Hai begegnet bin. Was für ein Blödsinn, denn im Mittelmeer gibt es ja so gut wie keine Haie. Im Traum war mir klar, dass ich keine Angst haben dürfte, da das der Hai spüren würde und mich dadurch erst als Beute wahrnehmen könnte. Ich konnte ihn vorerst abhalten und dann wachte ich auf.
Für mich ist die Parallele eindeutig – eine Situation, die nur ohne Angst überstanden werden kann. Der Verstorbene hatte sichtlich Panik bekommen und ich weiß aus eben gemachter Erfahrung, dass er deutlich länger durchgehalten hätte, wäre er aus der Angst herausgekommen. Er hätte sich, wie ich, eventuell noch wertvolle Zeit verschaffen können um nachzudenken und möglicherweise eine Lösung zu finden.
Beim Abendessen erfuhren wir vom Kellner, dass das bereits der zweite Todesfall in diesem Monat war, dieses Jahr waren es schon fünf oder sechs. Verrückt oder? Die Stadt lebt vom Tourismus, aber ein Rettungsschwimmer oder ein kleines Rettungsboot zur Sicherheit für die Geldbringer ist zu viel.

„Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“
Benjamin Franklin

Ein im Verhältnis geringer Aufwand brächte hier eine enorme Steigerung an Sicherheit mit sich – zumal die Geretteten für die Kosten aufkommen könnten.
So erfuhr ich live, wie mehr Sicherheit keine spürbaren Einbußen an Freiheit bewirken könnte.
Der Fall zeigt noch Einiges mehr . Doch dazu und zu den Eingangsfragen wird es in der November/Dezember Ausgabe mehr zu Lesen geben.

 

(Dieser Artikel wurde am 16.09.2015 verfasst)

Author: David Bilger

David Bilger ist Journalist, Redakteur und Gründer des NEUZEIT Magazins und der dazugehörigen Vereinigung dem „Netzwerk für ein lebenswerte Zukunft“ (NEUZEIT Netz e.V.). Seit dem Tod seines Vaters 2009 beschäftigt ihn vor allem die Frage von Ursache oder Symptom aller und im Besonderen von den sogenannten „unheilbaren Krankheiten“. Während seiner unternehmerischen Tätigkeit als Immobilienmakler stieß er dann auf die Ursachen der Krisen im Finanzsystem und erlangte die Erkenntnis, dass diese Ursachen für die meisten Missstände unserer Gesellschaft verantwortlich sind. Diese Erkenntnis gab ihm den Anstoß, die Tätigkeit als Immobilienmakler aufzugeben. „Ich wollte mich von nun an für sinnvolle und konstruktive Dinge einsetzen und nicht weiter das System `füttern`“ so der Redakteur. Von nun an erforschte er die Ursachen in allen Gesellschaftsbereichen und machte sich auf die Suche nach sinnvollen Lösungen. Im September 2012 gründete er dann das NEUZEIT Magazin, welches das Ziel hat, die tatsächlichen Ursachen für die gesellschaftlichen Verwerfungen und echte Lösungen für eine lebenswerte Zukunft zu kommunizieren. Diese lebenswerte Zukunft sieht der Jungredakteur zwar gefährdet, aber nicht verloren. „Eine Chance haben wir nur mit einem starken Bewusstsein für Ursache und Wirkung“, meint er in einer seiner Publikationen im NEUZEIT Magazin. Wie man das Potenzial ganzheitlicher Methoden zielführend einsetzen kann, zeigt er auch in seinem Gesundheitscoaching. Folge David Bilger auf FACEBOOK und INSTAGRAM

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